Münchener Modell Eingewöhnung: Ablauf und Unterschied zum Berliner Modell
Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2026 · Fachredaktion Liedio
Ein dreijähriges Kind sitzt am ersten Tag auf dem Schoß der Mutter und beobachtet eine halbe Stunde lang, wie zwei andere Kinder eine Murmelbahn aufbauen. Niemand fordert es zum Mitspielen auf. Im Münchener Eingewöhnungsmodell ist genau dieses Zuschauen gewollt: Das Kind verschafft sich erst einen Überblick und wird dann von selbst aktiv.
Das Münchener Modell setzt darauf, dass die Kindergruppe und der vertraute Tagesablauf das Kind tragen, nicht allein eine einzelne Bezugsperson. Eltern bleiben länger präsent, das Tempo gibt das Kind vor. Dieser Artikel erklärt den Ablauf, die fünf Phasen und die zentralen Unterschiede zum bekannteren Berliner Modell.
Wie läuft die Eingewöhnung nach dem Münchener Modell ab?
Das Münchener Modell gliedert die Eingewöhnung in fünf Phasen: Vorbereitung mit Erstgespräch, eine Kennenlernphase von rund einer Woche ohne Trennung, eine Sicherheitsphase, in der die Fachkraft schrittweise Aufgaben übernimmt, eine Vertrauensphase mit der ersten kurzen Trennung sowie eine abschließende Auswertung. Insgesamt dauert die Eingewöhnung meist etwa drei Wochen, das Tempo bestimmt aber das Kind. Im Mittelpunkt stehen die anderen Kinder und der gemeinsame Alltag, während die einzelne Bezugsperson weniger im Zentrum steht als beim Berliner Modell.
Woher das Münchener Modell kommt
Das Münchener Eingewöhnungsmodell geht auf ein wissenschaftliches Projekt in München zurück, das von 1987 bis 1991 unter der Leitung von Kuno Beller lief. Für die Praxis ausgearbeitet und bekannt gemacht haben es Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll. Ihr Buch „Anfang gut? Alles besser!“ ist in vielen Kitas inzwischen Standard.
Anders als das Berliner Modell stützt sich das Münchener Modell nicht in erster Linie auf die Bindungstheorie. Es greift Erkenntnisse aus der Übergangs- und Säuglingsforschung sowie der Reggio-Pädagogik auf. Daraus folgt ein anderer Blick auf das Kind: Es gilt als kompetenter Säugling, der sein Ankommen aktiv mitgestaltet und nicht nur behutsam von außen abgegeben wird.
Der Grundgedanke: Das Kind orientiert sich selbst
Im Zentrum steht die Annahme, dass Kinder einen neuen Ort vor allem durch Beobachtung erschließen. Wer den Tagesablauf, die Rituale und die anderen Kinder mehrfach in Ruhe miterlebt, baut Sicherheit auf, bevor die erste Trennung ansteht.
Drei Punkte prägen das Modell:
- Die Kindergruppe steht im Mittelpunkt. Schon eingewöhnte Kinder werden auf das neue Kind vorbereitet, zeigen ihm Plätze und Abläufe und übernehmen so einen Teil des Ankommens.
- Der begleitende Elternteil bleibt länger präsent als im Berliner Modell, oft eine ganze Woche ohne jede Trennung.
- Das Kind gibt das Tempo vor. Wann die erste Trennung sinnvoll ist, entscheidet sein Verhalten, nicht ein fester Kalendertag.
Die fünf Phasen im Münchener Modell
Der Ablauf gliedert sich in fünf Phasen. Die folgenden Zeitangaben sind Richtwerte aus der Fachliteratur und verschieben sich je nach Kind. In der Praxis dauert die gesamte Eingewöhnung meist etwa drei Wochen, gelegentlich auch länger. Den Kern bilden die drei mittleren Phasen (Kennenlernen, Sicherheit, Vertrauen); Vorbereitung und Auswertung bilden den organisatorischen Rahmen darum herum.
| Phase | Dauer (Richtwert) | Was passiert |
|---|---|---|
| Vorbereitung | vor dem ersten Tag | Erstgespräch, Kennenlernen der Familie, Absprachen; das Team bereitet die Kindergruppe auf das neue Kind vor. |
| Kennenlernphase | ca. 1 Woche | Kind und Elternteil erleben den Vormittag gemeinsam in der Gruppe. Keine Trennung. Das Kind beobachtet und orientiert sich. |
| Sicherheitsphase | ca. 1 Woche | Die Fachkraft übernimmt nach und nach Aufgaben wie Wickeln oder Trösten. Der Elternteil tritt schrittweise in den Hintergrund, bleibt aber da. |
| Vertrauensphase | ca. 1 Woche | Erste kurze Trennung, oft etwa eine Stunde, der Elternteil bleibt zunächst in der Nähe. Bei Bedarf wird die Trennung behutsam ausgedehnt. |
| Auswertung | zum Abschluss | Eltern und Fachkraft besprechen den Verlauf gemeinsam und schließen die Eingewöhnung bewusst ab. |
Wichtig ist die Reihenfolge: Die erste Trennung steht erst an, wenn das Kind angekommen ist und eine feste Fachkraft als Ansprechpartnerin angenommen hat. Das ist meist frühestens nach zwei Wochen der Fall.
Die Rolle der Eltern
Eltern sind im Münchener Modell länger und aktiver beteiligt als in manch anderem Ablauf. In den ersten Tagen sind sie der verlässliche sichere Hafen, von dem aus das Kind die Gruppe erkundet. Ihre Aufgabe ist es, präsent und ansprechbar zu bleiben, ohne das Kind zu bespielen.
Mit der Sicherheitsphase ziehen sie sich Schritt für Schritt zurück und zeigen dem Kind dabei, dass sie das Vorgehen der Fachkraft gutheißen. Diese sichtbare Zustimmung hilft dem Kind, Vertrauen zur neuen Bezugsperson zu fassen. Auch die Eltern selbst gewöhnen sich in dieser Zeit an den neuen Alltag.
Unterschied zum Berliner Modell
Beide Modelle verfolgen dasselbe Ziel: einen guten, tragfähigen Start in der Kita. Sie gewichten aber unterschiedlich. Drei Punkte fassen den Kern:
- Bezugsperson oder Gruppe: Das Berliner Modell baut die Beziehung zu einer festen Bezugserzieherin auf. Das Münchener Modell rückt die ganze Kindergruppe und den Alltag in den Vordergrund.
- Dauer der Elternpräsenz: Im Münchener Modell bleibt der Elternteil länger dabei, in der Kennenlernphase meist eine ganze Woche ohne Trennung. Das Berliner Modell startet den ersten Trennungsversuch früher.
- Steuerung: Das Münchener Modell ist stärker vom Kind gesteuert und beobachtend angelegt; das Berliner Modell folgt einem etwas klarer getakteten Ablauf.
Welches Modell besser passt, hängt vom Kind, der Familie und der Einrichtung ab. Den ausführlichen Vergleich mit Vor- und Nachteilen finden Sie im Vergleichsartikel sowie in der Übersicht zum Berliner Modell.
Ein wiederkehrendes Ritual gibt Halt
Beide Modelle leben von Verlässlichkeit: vom immer gleichen Ablauf, vom gleichen Platz, von wiederkehrenden Ritualen. Ein kleines Begrüßungslied im Morgenkreis kann so ein Anker sein, besonders wenn der eigene Name darin vorkommt. Das Kind hört, dass es gemeint und willkommen ist, und das wiederholt sich Tag für Tag.
Ein personalisiertes Lied mit dem Vornamen des Kindes lässt sich gut als festes Eingewöhnungsritual nutzen, zu Hause wie in der Gruppe. Es ersetzt keine pädagogische Begleitung, kann den Übergang aber spürbar erleichtern.
So klingt ein Eingewöhnungs-Lied mit Namen — Hörprobe „Alexander“:
Eingewöhnungs-Lied — Beispiel „Alexander"
Sanftes Willkommens-Lied für die ersten Kita-Tage. Begleitet den Übergang von zu Hause in die neue Gruppe.
Ein vertrauter Anker für die Eingewöhnung?
Ein Begrüßungslied mit dem Namen des Kindes gibt den ersten Morgenkreisen Wiedererkennung und Halt.
Häufige Fragen
Meist etwa drei Wochen. Das ist ein Richtwert: Manche Kinder brauchen weniger, andere mehr Zeit. Entscheidend ist nicht der Kalender, sondern ob das Kind angekommen ist und eine Fachkraft als Bezugsperson angenommen hat.
Erst in der Vertrauensphase, meist frühestens nach zwei Wochen. Sie dauert anfangs oft nur etwa eine Stunde, und der Elternteil bleibt zunächst in der Nähe. Voraussetzung ist, dass das Kind sich sicher fühlt und eine feste Ansprechpartnerin akzeptiert hat.
Das Berliner Modell baut die Beziehung zu einer einzelnen Bezugserzieherin auf und startet die Trennung früher. Das Münchener Modell stellt die Kindergruppe und den gemeinsamen Alltag in den Mittelpunkt, lässt die Eltern länger präsent und richtet das Tempo stärker am Kind aus.
Eine zentrale. Schon eingewöhnte Kinder werden auf das neue Kind vorbereitet, zeigen ihm Plätze und Abläufe und heißen es willkommen. Sie übernehmen damit einen echten Teil der Eingewöhnung und erleben sich selbst als kompetent.
Grundsätzlich für Krippe und Kindergarten. Es kommt Kindern entgegen, die sich gern erst in Ruhe orientieren, und Familien, die längere gemeinsame Präsenz einrichten können. Ob es im Einzelfall besser passt als das Berliner Modell, klärt man am besten im Gespräch mit der Einrichtung.
Quellen
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